Mangel an Sonnenlicht als Risikofaktor für Herz Kreislauf Erkrankungen?

Abbildung des Herzens mit seinen Vorhöfen, Kammern und Gefäßen
Das Herz, die zentrale Zirkulationspumpe in unserem Körper

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Sterblichkeit an Herz Kreislauf Erkrankungen und dem Mangel an Sonnenlicht?

Die Arbeitsgruppe um P. G. Lindqvist vom Karolinska Institut und H. Olssen vom Universitätsspital in Lund, Schweden veröffentlichten im März 2016 eine neue Studie im Journal of Internal Medicine:

Übersetzt: Vermeidung von Sonnenexposition als Risikofaktor an den Haupttodesursachen zu sterben: Vergleichende Risikoanalyse in der Melanom-in-Südschweden-Kohorte.

Avoidance of sun exposure as a risk factor for major causes of death: a competing risk analysis of the Melanoma in Southern Sweden cohort [1]

Ist ein Vitamin D Mangel ein Risikofaktor für unsere Gesundheit?

Dies ist schon seit langem eine viel diskutierte Frage! Wissenschaftliche Studien produzieren nach wie vor widersprüchliche Aussagen. Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2014 [2] konnte keinen positiven Effekt von Vitamin D auf die Gesundheit feststellen. Während eine andere Übersichtsstudie aus dem selben Jahr [3] in einem Vitamin D Mangel eine ähnliche Gefahr für unsere Gesundheit sieht, wie Rauchen oder Übergewicht.

Die hier vorgestellte Studie befasst sich mit der Frage:

Welchen Einfluss hat die Sonnenexposition auf die Sterblichkeit von Frauen in Südschweden? Insbesondere auf die Sterblichkeit verursacht durch Herz-Kreislauf-, Krebserkrankungen oder andere Erkrankungen.

Studiendesign: Prospektive Kohortenstudie

Eine Kohortenstudie gehört zu den beobachtenden Studiendesigns. Hier wird der gesundheitliche Zustand einer Personengruppe über einen bestimmten Zeitraum beobachtet. Eingriffe durch die Verabreichung von Medikamenten oder durch andere Therapieformen (Interventionsstudie) finden nicht statt.

Ziel einer Kohortenstudie ist meist, einen Zusammenhang zwischen Umwelteinflüssen und dem Auftreten von Krankheiten zu ermitteln.

Es gibt 2 Möglichkeiten der Durchführung:

  • Prospektive Kohortenstudie: Eine Kohorte (Personengruppe) wird in der Gegenwart zusammengestellt und in der Zukunft, meist zu mehreren Zeitpunkten, befragt/untersucht.
  • Retrospektive Kohortenstudie: Hier wird auf die Daten einer Personengruppe aus der Vergangenheit zugegriffen.

Fragestellung:

Welche Einfluss hat die Sonnenexposition auf die Mortalität (Sterblichkeit) an Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs in der Kohorte Melanome-in-Südschweden (MISS)?

  • Die Arbeitsgruppe um Lindqvist untersuchte bereits in einer früheren Studie [4], wie sich das Sonnenverhalten auf die Gesamtsterblichkeit auswirkt. Sie fand heraus, dass in der MISS-Kohorte die Gesamtsterblichkeit in der Gruppe der „Sonnenvermeider“ doppelt so hoch ist, wie in der Gruppe mit der meisten Sonnennutzung. In der Gruppe der Frauen mit einer mittleren „normalen“ Sonnennutzung fand sich kein signifikant erhöhtes Risiko an Melanom zu erkranken oder daran zu sterben.
  • In der hier vorgestellten weiteren Analyse der MISS-Kohorte haben Lindqvist und Mitarbeiter die Sterblichkeit in 3 Kategorien eingeteilt: Herz-Kreislauferkrankungen (Cardiovascular disease = CVD), Krebserkrankungen und „andere“ Erkrankungen“ (nicht-Krebs/nicht-CVD). Im Gegensatz zu der ersten Studie wird hier nicht die Gesamtsterblichkeit untersucht, sondern die Todesfälle werden nach CVD, Krebs oder „andere“ aufgeschlüsselt.

Studienteilnehmer:

Ausgewertet wurde die MISS-Kohorte (MISS = Melanome in Südschweden) von 29518 schwedischen Frauen im Alter von 25 – 64 Jahren, die zu Beginn der Befragung an keiner Tumorerkrankung litten. Das Sonnenverhalten und die Gesundheit der Frauen wurden 20 Jahre lang verfolgt.

Aussagen der Studie:

  • Frauen, die Sonnenbestrahlung vermieden, hatten eine kürzere Lebenserwartung, als solche mit einer mittleren oder häufigen Sonnenexposition.
  • Ihr Risiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben ist um 60 % höher als bei Frauen mit hoher Sonnennutzung.
  • Es gibt eine eindeutige Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen der Zunahme der Sonnenexposition und dem abnehmenden Risiko an einer CVD oder „anderen“ Erkrankung zu sterben.
  • Während durch intensive Sonnennutzung die Sterblichkeit an einer CVD oder „anderen“-Erkrankungen sinkt, steigt das relative Risiko an Krebs zu sterben. Dies ist möglicherweise das Resultat der gestiegenen Lebenserwartung durch die vermehrte Sonnennutzung.
  • Fünfzig bis sechzig Jahre alte Nichtraucherinnen, die die Sonne meiden, haben eine um 0.6 – 1,3 Jahre verkürzte Lebensdauer als nicht-rauchende „Sonnenanbeterinnen“.
  • Für Raucherinnen des selben Alters resultiert eine intensive Sonnennutzung in einer Lebensverlängerung von 1,1 bis 2,1 Jahren, gegenüber Raucherinnen die Sonne meiden.
  • Die Daten zeigen auch, dass Nichtraucherinnen, die die Sonne meiden, die selbe Lebenserwartung haben, wie rauchende Sonnenanbeterinnen.
  • In dieser Studie ist der Risikofaktor Sonnenvermeidung also genau so stark, wie der Risikofaktor Rauchen!

Die Autoren sehen folgenden Einschränkungen in ihrer Studie:

  • In dieser Studie ist es nicht möglich zwischen der aktiven Sonnennutzung und einem gesunden Lebensstil zu unterscheiden.
  • Zu Beginn der Studie wurden die Daten zur sportlichen Aktivität der Studienteilnehmerinnen nicht abgefragt.
  • Dies ist eine beobachtende Studie, d. h. ein kausaler Zusammenhang zwischen aktiver Sonnennutzung und Sterblichkeit kann aufgrund des Studiendesigns nicht bewiesen werden.Weitere Ausführungen zu Begründung finden Sie hier.
  • Ob die beobachteten Phänomene dem Vitamin D Spiegel zuzuschreiben sind, darüber kann nichts ausgesagt werden. Möglicherweise geht es auch gar nicht um die Vitamin D Konzentration im Blut, sondern mehr darum einen Vitamin D Mangel zu vermeiden.

Fazit der Autoren:

Die UV-Exposition scheint positive und negative Effekte auf unsere Gesundheit zu haben. Deshalb sollten Verhaltensratschläge Vor- und Nachteile der UV-Strahlung und die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen. Beispielsweise sollte die generell niedrige UV-Intensität der Sonneneinstrahlung in Schweden bzw. die generell hohe UV-Intensität in Australien in die Ratschläge mit einfließen.

Die schwedischen Richtlinien, einerseits die Sonne zu meiden, mag an der hier beobachteten Erhöhung der CVD Sterblichkeit beteiligt sein. Andererseits führte die Empfehlung Sonnencreme zu verwenden möglicherweise zu einer unbedachten übertriebenen Sonnennutzung, was zum Anstieg der Melanomerkrankungen in Schweden beiträgt.

Literatur:

[1]          P. G. Lindqvist, E. Epstein, K. Nielsen, M. Landin-Olsson, C. Ingvar, and H. Olsson, “Avoidance of sun exposure as a risk factor for major causes of death: a competing risk analysis of the Melanoma in Southern Sweden cohort,” J. Intern. Med., p. n/a–n/a, Mar. 2016.

[2]          E. Theodoratou, I. Tzoulaki, L. Zgaga, and J. P. A. Ioannidis, “Vitamin D and multiple health outcomes: umbrella review of systematic reviews and meta-analyses of observational studies and randomised trials,” BMJ, vol. 348, p. g2035, 2014.

[3]          R. Chowdhury, S. Kunutsor, A. Vitezova, C. Oliver-Williams, S. Chowdhury, J. C. Kiefte-de-Jong, H. Khan, C. P. Baena, D. Prabhakaran, M. B. Hoshen, B. S. Feldman, A. Pan, L. Johnson, F. Crowe, F. B. Hu, and O. H. Franco, “Vitamin D and risk of cause specific death: systematic review and meta-analysis of observational cohort and randomised intervention studies,” BMJ, vol. 348, p. g1903, 2014.

[4]          P. G. Lindqvist, E. Epstein, M. Landin-Olsson, C. Ingvar, K. Nielsen, M. Stenbeck, and H. Olsson, “Avoidance of sun exposure is a risk factor for all-cause mortality: results from the Melanoma in Southern Sweden cohort,” J. Intern. Med., vol. 276, no. 1, pp. 77–86, Jul. 2014.

 

 

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